Wissensraum · Interview
Warum agile Führung am Set beginnt – und was Europa vom Filmgeschäft lernen kann.
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Perspektiven auf agile Führung, europäische Vielfalt und die Kraft klarer Kommunikation – aus 30 Jahren Filmproduktion.
Mark von Seydlitz ist Regisseur, Produzent und Medientrainer. Seit mehr als 30 Jahren arbeitet er in der Film- und Medienwelt – mit über 900 Projekten, von Werbung bis zu internationalen Co-Produktionen für Spielfilme und TV. Heute unterstützt er Führungskräfte aus Politik, Wirtschaft und Medien dabei, sichtbar, wirksam und glaubwürdig aufzutreten. In dieser Ausgabe der Interviewserie «Europa, wo bist Du?!» spricht er über Leadership, Film und Europa.
Nicole
Wer bist Du – und was ist Dein Beruf?
Mark von Seydlitz
Ich bin Regisseur, Produzent und Medientrainer für Führungskräfte – seit mehr als 30 Jahren in der Film- und Medienwelt unterwegs, mit über 900 Projekten, von Werbung bis zu internationalen Co-Produktionen für Spielfilme und TV. Heute arbeite ich vor allem mit Führungskräften aus Politik, Wirtschaft und Medien daran, wie man sichtbar, wirksam und glaubwürdig auftritt – «on stage» wie «on camera».
Nicole
Was ist Deine Verbindung zu Europa?
Mark von Seydlitz
Europa ist für mich ein Erfahrungsraum, insbesondere für den Austausch mit Menschen und Kulturen. Ich habe in vielen Ländern gedreht und mit Teams gearbeitet, die ganz unterschiedliche Mentalitäten mitbrachten. Europa zeigt sich für mich vor allem im Miteinander am Set – wenn zum Beispiel Italiener, Deutsche, Franzosen, Polen und Skandinavier gemeinsam ein Projekt stemmen. Da spürt man, was möglich ist, wenn Vielfalt sich auf ein Ziel konzentriert. Unser letzter Film, «Ein Tag im September», war eine deutsch-belgische Co-Produktion, an der viele unterschiedliche Europäer beteiligt waren.
Nicole
Was beschäftigt Dich im Moment – persönlich, beruflich, gesellschaftlich?
Mark von Seydlitz
Wir leben in einer Zeit permanenter Überforderung und Krisen: zu viele Informationen, zu viele Kanäle, zu viel «Spin» und zu viel Unsicherheit. Mich beschäftigt die Frage, wie wir wieder zu Klarheit kommen – in Botschaften, in Führung, in Europa und auf zwischenmenschlicher Ebene. Nicht über Umwege, sondern durch direkte Kommunikation.
Nicole
Wo findest Du Deinen inneren Kompass?
«Der Dreh beginnt, egal was passiert.» Diese Haltung erinnert mich daran, dass agile Führung Verbindlichkeit bedeutet.
Mark von Seydlitz
Am Set. Dort zählt nicht die Theorie, sondern das Ergebnis. «Der Dreh beginnt, egal was passiert.» Diese Haltung erinnert mich daran, dass agile Führung Verbindlichkeit bedeutet – und dass Entscheidungen getroffen werden müssen, auch wenn die Umstände nicht perfekt sind. Das spart Ressourcen. Im Privaten finde ich Ausgleich durch Meditation und Yoga.
Nicole
Was bedeutet Europa für Dich – jenseits von Flaggen und Institutionen?
Mark von Seydlitz
Europa bedeutet für mich Beweglichkeit. Mit einer Kamera im Gepäck von Paris nach Prag, von München nach Madrid – ohne Grenzen, ohne Barrieren. Zwischenmenschliche Erfahrungen vor Ort zu sammeln ist ein enormer Wert.
Nicole
Wann hast Du Dich zum ersten Mal «europäisch» gefühlt?
Mark von Seydlitz
Als ich mit 18 Jahren nach Frankreich fuhr und später auf Reisen durch Europa als Student. Interrail war eine prägende Erfahrung.
Nicole
Gab es Momente, in denen Du Dich in Europa unwillkommen gefühlt hast?
Mark von Seydlitz
Eigentlich nicht. Aber ich habe erlebt, wie Bürokratie und nationale Egoismen gute Projekte beinahe scheitern lassen. Das Klein-Klein nimmt dem Großen die Kraft.
Nicole
Was fehlt Dir in Europa?
Mut. In der Kunst, in der Politik, im Business. Mut, Dinge auf die Bühne zu bringen, bevor sie perfekt sind.
Mark von Seydlitz
Mut. In der Kunst, in der Politik, im Business. Mut, Dinge auf die Bühne zu bringen, bevor sie perfekt sind. Mut, sich Kritik auszusetzen – und mehr intereuropäischer Austausch ohne übermässige Bürokratie.
Nicole
Wo scheitert Europa derzeit konkret?
Mark von Seydlitz
An der Klarheit der Kommunikation und an der Bürokratie. Politik klingt oft wie ein schlechtes Drehbuch: zu lang, zu kompliziert, ohne emotionale Linie – trotz gegenteiliger Versprechen.
Nicole
Wo gelingt Europa etwas, das wir übersehen?
Mark von Seydlitz
Im Alltag. Dass wir so selbstverständlich zusammenarbeiten, reisen, produzieren und handeln können – das ist eine zivilisatorische Meisterleistung. Wir merken es oft erst, wenn es ins Wanken gerät.
Nicole
Wer schützt Europa – und wovor?
Mark von Seydlitz
Europa muss sich selbst schützen – durch Menschen, die Verantwortung übernehmen: Lehrer, Ärztinnen, Ingenieure, Unternehmer, Kulturschaffende. Aber auch durch freie Presse und freie Kunst.
Nicole
Was muss sich ändern, damit Europa nicht nur überlebt, sondern gedeiht?
Weniger «Panels» und mehr «Premieren». Weniger reden, mehr liefern.
Mark von Seydlitz
Führung muss erlebbar werden. Wir brauchen weniger «Panels» und mehr «Premieren». Entscheidungen, die sichtbar sind und Haltung transportieren. Wichtig ist, dass wir ins gemeinsame europäische «Doing» kommen: weniger reden, mehr liefern.
Nicole
Was darf Technologie in Europa – und was darf sie nie?
Mark von Seydlitz
Sie darf beschleunigen, vereinfachen, vernetzen. Sie darf aber nie den Menschen ersetzen, wenn es um Haltung und Verantwortung geht.
Nicole
Welche Zukunft willst Du mitgestalten – und welche verhindern?
Mark von Seydlitz
Ich möchte eine Zukunft, in der Menschen wieder lernen, klar und direkt zu kommunizieren. Verhindern möchte ich eine Welt, in der wir nur noch über Filter und Algorithmen miteinander sprechen – statt von Mensch zu Mensch. Technik muss dem Menschen dienen, darf ihn aber nicht abhängig machen.
Nicole
Was hält Europa davon ab, Fortschritt zu machen?
«Done is better than perfect.» In Europa lähmt uns oft die Suche nach Perfektion – und leider auch die Bürokratie.
Mark von Seydlitz
Die Angst vor Fehlern. Am Set gilt: «Done is better than perfect.» In Europa lähmt uns oft die Suche nach Perfektion – und leider auch die Bürokratie.
Nicole
Wo erlebst Du heute noch echte Solidarität?
Mark von Seydlitz
Europa gleicht einem heterogenen Filmteam: unterschiedlichste Menschen sollen möglichst ohne Reibungsverluste miteinander kommunizieren und arbeiten.
Nicole
Was muss Europa wieder lernen?
Storytelling. Eine gemeinsame Geschichte zu erzählen, die inspiriert und wegführt von nationalstaatlichem Denken.
Mark von Seydlitz
Storytelling. Eine gemeinsame Geschichte zu erzählen, die inspiriert und wegführt von nationalstaatlichem Denken und Rückwärtsorientierung. Ohne Geschichte keine Richtung.
Nicole
Wie kann man in Europa leben, ohne europakritisch zu werden?
Mark von Seydlitz
Indem man nicht nur Zuschauer bleibt, sondern Teil des Ensembles wird. Wer mitspielt, verliert den Zynismus und sammelt positive Erfahrungen.
Nicole
Was möchtest Du Europa zurückgeben?
Mark von Seydlitz
Die Erfahrung, dass Vielfalt funktioniert – wenn man ein gemeinsames Ziel hat.
Nicole
Wovor willst Du Europa schützen?
Mark von Seydlitz
Vor Beliebigkeit. Wenn alles gleich wichtig ist, ist am Ende nichts wichtig. Wir müssen klare Prioritäten setzen, wie wir Europa gemeinsam gestalten wollen.
Nicole
Was würdest Du tun, wenn Du 24 Stunden europäische Entscheidungsmacht hättest?
Mark von Seydlitz
Ich würde Bürokratie abbauen und versuchen, Europa für die Menschen auf allen Ebenen noch erlebbarer zu machen.
Nicole
Wen sollten wir als Nächstes fragen?
Mark von Seydlitz
Man sollte junge Europäerinnen und Europäer fragen, wie sie die Zukunft gestalten wollen.
Vielen Dank für Deine Zeit, lieber Mark!
Beim Film ist es entscheidend, flexibel und schnell Entscheidungen zu treffen. Das sollte auch für Europa gelten.
Im Film entscheidet nicht nur das Drehbuch, sondern vor allem die Besetzung. Die richtigen Schauspieler:innen, ein Team mit Gespür und Kreativität, das harmoniert – sie machen aus Papier Realität. Genauso in Organisationen und Politik: Pläne sind wichtig, aber Menschen entscheiden. Gerade in Zeiten von Fachkräftemangel, Renationalisierungstendenzen und hoher Dynamik ist das «Casting» für Schlüsselrollen in Politik, Wirtschaft und Kultur der entscheidende Erfolgsfaktor.
Kein Dreh verläuft exakt nach Plan. Das Wetter kippt, ein Schauspieler ist krank, ein technisches Detail hakt – und trotzdem muss der Film fertig werden. Deshalb gibt es Puffer, Alternativen, Notlösungen. Auch Unternehmen bewegen sich heute in einem Dauerzustand der Unsicherheit. Erfolgreich ist nicht, wer alles kontrolliert, sondern wer Varianten im Kopf hat und dennoch Tempo hält.
Im Film sind die «Dailies» ein Ritual: Man schaut sich die Rohschnitte des Tages an – auch wenn sie noch unfertig sind. Fehler, Schwächen, Brüche – alles wird sichtbar. Genau darin liegt die Stärke. Denn was man früh erkennt, kann man korrigieren. Unternehmen brauchen dieselbe Haltung: Transparenz statt Vertuschung, Feedback statt Beschönigung. Wer den Mut hat, Fehler offen zu zeigen, baut Vertrauen auf – und Resilienz.
Wenn der Film fertig ist, sucht er sein Publikum. Ob jede Szene perfekt ist, spielt keine Rolle – die Premiere ist der Moment, an dem sich alles bewähren muss. Auch Organisationen haben ihre Premieren: Produkt-Launches, Pitches, Restrukturierungen, öffentliche Statements. Wer zu lange perfektioniert, verliert den Anschluss. Mut zur Premiere heißt: ins Licht treten, angreifbar sein – und dadurch Wirkung entfalten.