Wissensraum · Interview

Europa, Mut & Neugier

Warum Neugier ein Handwerk ist – und was ein Schweizer Anwalt in Asien über die Zukunft des Rechts gelernt hat.

Interview mit Nathan Kaiser · Oktober 2025 · Serie: Europa, wo bist Du?!

20–25 Min Gespräch Neugier · Recht · Asien

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Perspektiven auf Neugier als Handwerk, die Zukunft des Anwaltsberufs und was Europa von Asien lernen kann – von einem Juristen, der Grenzen immer als Einladung verstanden hat.

Nathan Kaiser ist Rechtsanwalt, Pionier und schweizerisch-taiwanesischer Doppelbürger. Er hat die erste Schweizer Kanzlei in China mitgegründet und die erste ausländische Kanzlei in Taiwan aufgebaut. Von 2017 bis 2020 war er Affiliate des Berkman Klein Center for Internet & Society an der Harvard University mit Schwerpunkt AI & Ethics. Heute arbeitet er zwischen Zürich, Silvaplana und Asien.

Einstieg – Ein europäischer Jurist, der die Welt öffnete

Nicole

Nathan, dein Weg ist außergewöhnlich. Lausanne, Straßburg, St. Gallen – und dann plötzlich: China, Hongkong, Taiwan. Du hast die erste Schweizer Kanzlei in China mitgegründet und später die erste ausländische Kanzlei in Taiwan aufgebaut. Heute bist du schweizerisch-taiwanesischer Doppelbürger, arbeitest zwischen Zürich, Silvaplana und Asien und warst in mehreren Jurisdiktionen zugelassen – Zürich, Berlin, Hongkong, Taipei, heute Graubünden. Was verbindet für dich Europa mit deiner globalen Identität?

Nathan Kaiser

Europa war immer mein Ausgangspunkt. Lausanne, Straßburg, ein Praktikum in Paris, St. Gallen – das waren prägende Jahre. Europa hat mir beigebracht, wie unterschiedlich man Recht, Politik und Identität denken kann. Aber Europa hat auch ein Versprechen: dass man sich bewegen darf. Ich bin nie gegangen, weil ich Europa verlassen wollte – sondern weil ich verstehen wollte, wie andere Teile der Welt Zukunft bauen.

Paris, Zürich, dann die ersten Schritte in Asien: Shanghai, Beijing, Hongkong, Taipei. Nichts davon war ein Masterplan. Es war Neugier – und zum Teil auch jugendliche Freiheit, die Welt zu sehen. Und die Bereitschaft, meinen Horizont ständig zu verschieben.

Ein Pionierweg zwischen Europa und Asien

Nicole

Das Jahr 2000: Du gründest mit einer Zürcher Kanzlei die erste Schweizer Kanzlei in China. Später die erste ausländische Kanzlei in Taiwan. Kein Schweizer Anwalt hatte damals so etwas gemacht. Was hat dich angetrieben?

Nathan Kaiser

Zu diesem Zeitpunkt war ich bereits als Anwalt in Taiwan tätig – Beijing lag «um die Ecke», nur vier Flugstunden mit Stopp in Hongkong. Ich wollte dort sein, wo Dinge gerade entstehen. China Anfang der 2000er war wie das Zentrum eines Wirbelsturms, eine Werkstatt der Weltgeschichte. Alles war im Aufbau: Märkte, Strukturen, Regeln, Institutionen. Als Jurist hat man dort nicht nur beraten – wir haben alle mit Elan mitgebaut.

Europa hat mir Stabilität gegeben. Asien hat mir Tempo beigebracht, aber auch Geduld – denn einfach war in China gar nichts. Diese Mischung trägt mich bis heute.

Nicole

Und rechtlich warst du in mehreren Welten zuhause – Zürich, später Beijing, Taipei, dazwischen sogar Berlin, dann Hongkong und heute Graubünden.

Nathan Kaiser

Ja. Jede Zulassung hat meinen Blick verändert. Jedes System hat seine eigenen Details, aber immer eine ähnliche Logik. Und wer mehrere Systeme erlebt, sieht schneller, wo Chancen entstehen.

Europa, wo bist Du? – Eine Außenperspektive

Nicole

Du hast lange von außen auf Europa geschaut. Was siehst du?

Nathan Kaiser

Europa war lange, sehr lange stark im Denken, im Handeln und darin, einen gesetzlichen Rahmen zu schaffen, der den Einzelnen beflügelte, Neues zu erschaffen. Meilensteine reichen vom habeas corpus, der Aufklärung, zum Eiffelturm, der Rheinschifffahrt, bis zum Ärmelkanaltunnel und den vier Grundfreiheiten zwischen den Mitgliedstaaten im Jahr 1957.

Von diesem Pfad ist Europa schon lange abgekommen. Die genannten Errungenschaften und vor allem deren Hintergrund und Ziele haben leider viele vergessen.

Ich bin aber überzeugt, dass die Europäer das nach wie vor können – und eigentlich auch wollen. Man muss sie nur lassen! Und genau darin sind sich Europäer und Asiaten letztlich gleich: Wenn man sie machen lässt, geht viel, es geht Besonderes – und es geht schnell!

Technologischer Frühstarter

Nicole

Was kaum jemand weiss: Du warst technisch früh weiter als 95 % deiner juristischen Generation. Erzähl uns das bitte einmal.

Nathan Kaiser

Ich habe 1982 mit einem ZX81 begonnen. Dann kamen Commodore 64 und Atari. Ich habe mit 16 Software und Disketten importiert – damals schon aus Taiwan. Ohne zu wissen, dass ich Jahre später einmal dort leben würde.

1996 hatte ich meine erste Hotmail-Adresse. Und 2008 habe ich unsere Kanzlei in drei Ländern vollständig auf Google Workspace und Cloud-Software betrieben – als andere noch dachten, Digitalisierung sei «PDF per E-Mail verschicken».

Später war ich von 2017 bis 2020 Affiliate des Berkman Klein Center for Internet & Society an der Harvard University, Schwerpunkt AI & Ethics. Ich habe Vorträge gehalten zu KI im Alltag, Digitalisierung im Gesundheitswesen, Dezentralisierung und China. Für mich war Technologie immer Werk- und Spielzeug zugleich.

Die Kunst der Neuerfindung

Nicole

Du hast dich mehrfach neu erfunden: geografisch, beruflich, technologisch. Was hält dich beweglich?

Nathan Kaiser

Der Gedanke, dass das Leben lang und die Welt gross ist – das machte und hält mich neugierig, also «gierig auf Neues»!

Neugier ist kein Charakterzug – es ist ein Handwerk.

Die Schweiz hat mir Struktur gegeben. Die USA haben mir große Offenheit gezeigt. Asien hat mir beigebracht, altes Erlerntes stets in Frage zu stellen und scheinbar Unmögliches möglich zu machen.

Die Zukunft des Anwaltsberufs

Nicole

Der Rechtsmarkt wandelt sich rasant. KI schreibt Due-Diligence-Reports. Plattformen ersetzen Teile der Compliance. Big4 drängen in Bereiche wie DORA, NIS2 oder ESG. Viele traditionelle Modelle – vor allem das Abrechnen nach Stunden – stehen unter Druck. Was hilft dir aus deiner Vergangenheit, in dieser neuen Welt erfolgreich zu bleiben?

Nathan Kaiser

Dass ich nie geglaubt habe, dass das Geschäftsmodell stabil bleibt. Das Buch The Future of Law von Richard Susskind kam 1996 heraus, vor fast 30 Jahren. Da stand eigentlich alles schon drin – ich empfehle die Lektüre!

Als wir Kanzleien in Asien bauten, gab es keine Prozesse. Wir haben Strukturen geschaffen, wo keine waren. Heute passiert Ähnliches in Europa – durch KI, Plattformen, neue Berufsgruppen.

KI ist keine Konkurrenz – vielmehr ist sie ein Werkzeug mehr und nimmt Routinearbeit weg – nicht die eigentliche Beratung des Klienten.

Ich habe früh interdisziplinär und geografisch «dazwischen» gearbeitet. Das zwingt zu Offenheit und Kreativität. Juristen, die sich nur über «Wissen» definieren, werden es schwerer haben. Wissen ist nicht mehr knapp. Verstehen ist knapp – und zwar nicht nur das Verstehen des Rechts, sondern das Verstehen wirtschaftlicher Zusammenhänge und des Klienten und dessen Bedürfnisse und Rahmenbedingungen.

Es geht darum zu verstehen:

Nicole

«Interdisziplinarität ist das neue Spezialistentum» – würdest du das unterschreiben?

Nathan Kaiser

Absolut. Ein moderner Anwalt muss mehrere Sprachen sprechen: Recht, Technologie(n), Organisation & Strukturen, Ökonomie (Makro- und Mikro). Wer alle vier spricht, wird gebraucht wie nie zuvor.

5 Learnings aus Nathans Weg – für Anwälte, die relevant bleiben wollen

01

«Neugier schlägt Planbarkeit»

Karriere ist keine gerade Linie. Wer sich traut, Räume zu wechseln, bleibt beweglich.

02

«Technologie ist ein Verstärker, kein Feind»

KI nimmt Routinen weg, beschleunigt – und macht echte Beratung wertvoller.

03

«Interdisziplinarität ist das neue Spezialistentum»

Die Zukunft gehört Juristen, die Systeme verstehen – nicht nur Dokumente.

04

«Businessmodelle ändern sich – Haltung nicht»

Wer Mehrwert liefert statt Stunden, bleibt unverzichtbar.

05

«Europa ist ein Ausgangspunkt, keine Grenze»

Globale Perspektiven machen europäische Werte stärker, nicht schwächer.

Vielen Dank für Deine Zeit, lieber Nathan!

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