Wissensraum · Gespräch

Die unsichtbare Last der Arbeitswelt

Mentale Gesundheit zwischen Unsicherheit, Übergängen und Altersvielfalt.

Vanessa Prox-Vagedes, Katharina Hirmer, Nicole Battistini-Kohler · 2026

15–20 Min Gespräch Arbeit · Gesellschaft

Was dieses Gespräch Ihnen zeigt

Die unsichtbare Last der Arbeitswelt – und was sich verändern muss.

Ein moderiertes Gespräch

Dr. Vanessa Prox-Vagedes ist Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie. In ihrer Praxis sieht sie täglich, was passiert, wenn Arbeit aufhört, Halt zu geben — und was das biologisch bedeutet.

Katharina Hirmer ist Juristin und Mutter von drei schulpflichtigen Kindern. Sie kennt die Frage, die Familien stellen, wenn ein Elternteil in eine Schwebephase gerät: Wie lange noch?

Nicole Battistini-Kohler ist Rechtsanwältin und Gründerin von NBK Legal. Sie weiß, was Gesetze können — und was sie systematisch nicht können.

Unsicherheit als Dauerzustand

Moderation

Ist die aktuelle Lage am Arbeitsmarkt eine Phase — oder etwas Strukturelles?

Vanessa

Was ich in den letzten Jahren klinisch beobachte, hat sich verschoben. Früher kamen Menschen mit einem konkreten Auslöser: Kündigung, Konflikt, Burnout nach einem Projekt. Heute kommen sie mit etwas, das schwerer zu greifen ist. Sie beschreiben keinen Einbruch — sie beschreiben einen Dauerzustand. Vorläufigkeit als Lebensform.

Was das neurologisch bedeutet, ist gut dokumentiert: Das Nervensystem kann diffuse Bedrohungen nicht abschließen. Eine konkrete Kündigung kann verarbeitet werden — sie hat Anfang und Ende. Aber die dauerhafte Möglichkeit davon, das Gefühl, der Boden könnte jederzeit nachgeben, erzeugt chronische Antizipation. Erhöhte Vigilanz. Fragmentierter Schlaf. Eingeschränkte kognitive Flexibilität. Der Organismus bleibt im "Bereit"-Modus — und erschöpft sich, weil Entlastung nie kommt.

Nicole

Was mich dabei juristisch beschäftigt, ist der Kontrast. Deutschland hat im internationalen Vergleich einen robusten formalen Kündigungsschutz. Mitbestimmung, Diskriminierungsschutz, betriebliche Mitbestimmung — das existiert alles. Und trotzdem wächst das Unsicherheitsgefühl.

Der Grund liegt nicht im Recht. Er liegt in der Taktung von Transformation. Restrukturierungen kommen schneller. Strategien ändern sich häufiger. Berufsprofile verändern sich, bevor Qualifikationswege nachgezogen haben. Recht schützt vor dem Bruch. Es schützt nicht vor permanenter Vorläufigkeit.

Und diese Vorläufigkeit ist nicht abstrakt — sie wirkt atmosphärisch.

Katharina

Und diese Vorläufigkeit ist nicht abstrakt — sie wirkt atmosphärisch. Wenn ein Elternteil in einer solchen Schwebephase ist, wissen Kinder das, bevor irgendjemand es ausspricht. Pläne stehen unter Vorbehalt. Entscheidungen werden aufgeschoben. Die gesamte Familienlogistik gerät unter Druck. Unsicherheit breitet sich aus — sie ist nicht auf die betroffene Person beschränkt.

Das Selbsturteil kommt auch hier zuerst

Moderation

Warum erleben Menschen strukturelle Risiken so häufig als persönliches Versagen?

Vanessa

Weil die Reaktion individuell ist — auch wenn die Ursache strukturell ist. Wenn jemand nach einer Restrukturierung schlechter schläft, gereizter wird, Konzentrationsprobleme entwickelt, erscheinen das als persönliche Symptome. Sie gehören dieser Person. Und so interpretiert sie sie auch.

Was ich in der Praxis immer wieder sehe: Zur realen Belastung tritt Selbstabwertung. Menschen sagen mir, sie seien nicht belastbar genug, nicht flexibel genug, nicht anpassungsfähig genug. Dabei sind ihre Symptome oft keine Fehlfunktionen — sie sind funktionale Reaktionen auf strukturelle Zumutungen. Das Nervensystem macht genau das, wofür es gebaut ist. Es schlägt Alarm.

Nicole

Das ist kein Zufall. Moderne Arbeitsgesellschaften verlagern Risiko systematisch nach unten. Qualifikationslücke? Weiterbilden. Technologischer Wandel? Umschulen. Überforderung? Resilienztraining. Die Botschaft ist immer dieselbe: Wer scheitert, hat nicht ausreichend an sich gearbeitet.

Was das rechtlich bedeutet: Der Rechtsrahmen definiert Mindeststandards — aber das Risiko der Anschlussfähigkeit liegt faktisch beim Einzelnen. Ob jemand nach einem Bruch wieder integriert wird, ist keine Rechtsfrage. Es ist eine Frage individueller Anpassungsleistung. Recht reguliert Verlust. Es reguliert nicht die Erwartung permanenter Selbstoptimierung.

Katharina

Im Familienkontext beobachte ich das besonders früh. Eltern erleben schulische Schwierigkeiten ihrer Kinder als eigenes Erziehungsversagen. Kinder erleben die Reaktionen ihrer Eltern als Signal: Wenn du nicht funktionierst, bist du das Problem. So entsteht ein fragiles Selbstbild, lange bevor jemand ins Berufsleben eintritt.

Der riskante Übergang

Moderation

Übergänge gehören heute zur Normalerwerbsbiografie. Was macht sie so belastend?

Vanessa

Weil Übergänge keine organisatorischen Ereignisse sind — sie sind Identitätsmomente. Arbeit strukturiert nicht nur Einkommen. Sie strukturiert Zeit, Rolle, Selbstbild, Zugehörigkeit. Wenn diese Struktur unterbrochen wird, entsteht ein Vakuum — nicht nur finanziell, sondern in der Frage: Wer bin ich gerade?

Was ich klinisch gelernt habe: Schwebe ist belastender als klarer Verlust. Ein klarer Verlust lässt sich verarbeiten. Schwebe verhindert Neuordnung. Wer nicht weiß, ob er bleibt oder geht, ob die Stelle erhalten wird oder nicht, ob die Rückkehr nach der Krankheit möglich ist — der kann nicht loslassen und nicht festhalten. Das kostet enorme Energie.

Nicole

Das BEM — das betriebliche Eingliederungsmanagement — ist genau dafür gedacht. Es ist gesetzlich vorgeschrieben, wenn jemand länger als sechs Wochen krank war. Sein Zweck ist präventiv: Rückkehr gestalten, Belastungen identifizieren, Anpassungen ermöglichen.

In der Praxis erlebe ich es häufig anders. Einladung. Gespräch. Protokoll. Formal erfüllt. Was fehlt, ist die inhaltliche Gestaltung: Welche Aufgaben sind realistisch? Welche Belastungsquellen bestehen fort? Wer übernimmt Verantwortung für Stabilisierung? Ein schlecht gemachtes BEM ist nicht neutral — es erhöht Misstrauen und Angst. Viele Betroffene erleben es als verdeckte Kündigungsvorbereitung, nicht als Schutzinstrument.

Vanessa

Und dann kehren sie in unveränderte Strukturen zurück. Nicht weil irgendjemand böswillig wäre — sondern weil niemand gefragt hat, was sich verändern müsste. Das erhöht die Rückfallwahrscheinlichkeit erheblich.

Was ich daran so schwer finde: Die Menschen, die zurückkehren, bringen oft schon eine Geschichte mit.

Katharina

Was ich daran so schwer finde: Die Menschen, die zurückkehren, bringen oft schon eine Geschichte mit. Eine Geschichte der Erschöpfung, vielleicht des Scheiterns, auf jeden Fall der Verletzlichkeit. Wenn sie dann in denselben Kontext zurückgehen, braucht es nicht viel, um sie wieder zu destabilisieren. Der Übergang entscheidet — nicht die Rückkehr.

Altersvielfalt und die schmale Idealbiografie

Moderation

Moderne Arbeitsmärkte betonen Flexibilität. Gleichzeitig gibt es eine implizite Norm, wie eine ideale Erwerbsbiografie aussieht. Wer fällt raus?

Nicole

Fast alle, die nicht der Norm entsprechen. Und die Norm ist eng: geradlinig, ohne längere Unterbrechung, stetig leistungssteigernd, verfügbar. Wer diese Kurve nicht hält — wegen Krankheit, Elternzeit, Pflege, Umorientierung — wird als Abweichung gelesen.

Das AGG schützt formal vor Altersdiskriminierung in beide Richtungen. In der Praxis begegnet mir Diskriminierung überwiegend indirekt: "nicht mehr entwicklungsfähig", "kulturell nicht passend", "zu erfahren für diese Rolle". Schwer zu fassen, schwer zu klagen — und psychisch hochwirksam.

Vanessa

Was dabei unterschätzt wird: Auch junge Menschen sind betroffen. "Zu unerfahren", "noch nicht belastbar", "noch nicht bewiesen." Psychisch ist diese Phase besonders sensibel. Arbeit bestätigt Selbstwirksamkeit. Wer dauerhaft nicht ernst genommen wird, internalisiert das.

Ich sehe beide Gruppen in der Praxis — und das Muster ist ähnlich. Menschen, die das Gefühl haben, nicht zu passen. Nicht wegen mangelnder Leistung, sondern wegen der falschen Biografie, des falschen Alters, der falschen Geschichte.

Katharina

Das Tragische ist: Brüche gehören zu normalen Lebensläufen. Krankheit, Elternzeit, Pflege, Neuorientierung — das ist keine Ausnahme, das ist Leben. Aber das System liest es als Defizit. Je enger das Ideal, desto größer der Ausschluss. Und je größer der Ausschluss, desto größer die psychische Last derer, die nicht passen.

Wandel als Designfrage

Moderation

Transformation ist Realität. Die Frage ist, wie sie organisiert wird.

Vanessa

Veränderung an sich ist kein pathologischer Faktor — das möchte ich betonen, weil es wichtig ist. Was krank macht, sind drei spezifische Bedingungen: Unvorhersehbarkeit, Ohnmacht und Individualisierung. Wenn Wandel transparent kommuniziert wird, wenn Menschen Handlungsspielräume haben und wenn Belastung geteilt wird — dann kann Veränderung sogar aktivierend wirken. Das Nervensystem unterscheidet nicht zwischen Wandel und schlechtem Wandel. Es unterscheidet zwischen Kontrollierbarkeit und Kontrollverlust.

Nicole

Was ich in Organisationen beobachte, ist häufig folgendes: Der externe Wandel ist nicht verhandelbar — Märkte, Technologie, Regulierung. Aber die interne Architektur des Wandels ist sehr wohl gestaltbar. Offene Zeitachsen oder klare Meilensteine. Vage Kommunikation oder ehrliche Unsicherheit. Anpassungsdruck auf Individuen oder geteilte Verantwortung. Das sind Entscheidungen. Und diese Entscheidungen wirken psychisch.

Katharina

Was mich dabei beschäftigt ist die Frage der Vorbildfunktion. Kinder und Jugendliche erleben, wie Erwachsene mit Unsicherheit umgehen. Wenn das Modell lautet: Funktioniere weiter, zeige keine Schwäche, pass dich an — dann lernen sie genau das. Eine Gesellschaft, die Wandel schlecht gestaltet, erzieht die nächste Generation dazu, das als normal zu akzeptieren.

Das ist der Punkt, der mich langfristig am meisten beschäftigt.

Vanessa

Das ist der Punkt, der mich langfristig am meisten beschäftigt. Nicht die einzelne Person in meiner Praxis — die kann ich begleiten. Sondern die Frage, welches Bild von Belastbarkeit, Leistung und Erschöpfung wir weitergeben. Mentale Gesundheit ist keine Charakterfrage. Sie ist eine Designfrage. Und wer das Design nicht bewusst gestaltet, gestaltet es trotzdem — nur unreflektiert.

Schlusspunkt

Mentale Erschöpfung in der Arbeitswelt ist kein individuelles Defizit. Sie ist eine systemische Rückmeldung auf Unsicherheit, entgrenzte Anforderungen und die Privatisierung von Risiken.

Nicht Wandel macht krank. Die Architektur des Wandels entscheidet.

Ob Übergänge begleitet werden oder nicht. Ob Altersvielfalt als Ressource oder als Abweichung gilt. Ob Verantwortung geteilt oder nach unten delegiert wird.

Mentale Gesundheit entsteht nicht durch mehr Durchhaltevermögen. Sondern durch gestaltete Rahmenbedingungen. Das ist keine Sozialromantik. Es ist Effizienzpolitik — und längst überfällige Strukturpolitik.

Fünf Dinge, die dieser Text zeigt

1. Unsicherheit ist kein Gefühl — sie ist eine Struktur

Was viele Menschen heute als persönliche Überforderung erleben, ist soziologisch ein kollektives Phänomen. Castel und Dörre beschreiben es präzise: Unsicherheit ist nicht mehr Ausnahme, sondern Normalzustand. Sie ist in moderne Erwerbsbiografien eingebaut. Mentale Erschöpfung ist eine logische Folge — kein individuelles Versagen.

2. Risiken wurden privatisiert — die Kosten trägt die Psyche

Beck und Beck-Gernsheim haben früh gezeigt, wie soziale Risiken zu persönlichen Verantwortlichkeiten umgedeutet werden. Qualifikationslücke? Weiterbilden. Überforderung? Resilienztraining. Das Gesundheitssystem repariert dann Symptome — während die Ursachen unangetastet bleiben. Schuld und Scham entstehen nicht aus Schwäche, sondern aus einer Gesellschaft, die strukturelle Zumutungen als individuelle Bewährungsproben rahmt.

3. Diskriminierung trifft nicht nur "die Alten" — sondern alle, die nicht ins Idealbild passen

Altersdiskriminierung und Jugenddiskriminierung sind zwei Seiten derselben Medaille. Das Problem ist nicht das Alter — es ist die geringe Toleranz gegenüber nicht-linearen Lebensläufen. Unterbrechungen durch Krankheit, Elternzeit oder Pflege werden als Abweichung interpretiert, nicht als Teil normaler Lebensführung. Je enger das Ideal, desto größer der psychische Druck derer, die es nicht erfüllen.

4. Arbeit kann krank machen — oder gesund halten

Nicht Arbeit an sich erschöpft, sondern Arbeit ohne Resonanz, ohne Anerkennung, ohne Gestaltungsspielraum. Sinnvolle, sozial eingebettete Arbeit schützt Gesundheit — auch im Alter. Was krank macht, sind Unvorhersehbarkeit, Ohnmacht und Individualisierung von Belastung. Was schützt, ist das Gegenteil: Klarheit, Handlungsspielraum, geteilte Verantwortung.

5. Mentale Gesundheit ist keine Charakterfrage — sondern eine Designfrage

Nicht Wandel macht krank, sondern schlecht gestalteter Wandel. Wo Übergänge begleitet, Belastung gemessen und Verantwortung geteilt wird, sinken Erschöpfung, Angst und Ausfallzeiten messbar. Das ist keine Sozialromantik. Es ist Effizienzpolitik — und längst überfällige Strukturpolitik.

Konkrete Hebel

Was sich strukturell verändern lässt — und was es braucht, damit es gelingt.

Übergänge institutionalisieren

BEM konsequent nutzen — nicht als Formalakt, sondern als echtes Gestaltungsinstrument. Rückkehrpläne verbindlich entwickeln, Verantwortung klar benennen, Belastungsquellen identifizieren, bevor jemand zurückkommt. Übergänge scheitern selten am guten Willen. Sie scheitern an fehlender Struktur und fehlender Zuständigkeit.

Planbarkeit als Gesundheitsfaktor verstehen

Das Nervensystem reagiert stärker auf Unklarheit als auf hohe Belastung. Hohe Anforderungen mit klarer Perspektive sind verarbeitbar. Offene Zeitachsen und vage Kommunikation destabilisieren — auch dann, wenn objektiv noch alles in Ordnung ist. Ehrliche Unsicherheit kommunizieren ist besser als beruhigende Unschärfe.

Altersintegration als Stabilitätsfaktor nutzen

Generationenübergreifende Modelle — Mentoring, flexible Rollen, Teilzeit-Übergänge, wechselseitiger Wissenstransfer — stabilisieren Organisationen. Altersvielfalt ist keine Sozialaufgabe. Sie ist Resilienz auf Systemebene.

Belastung messbar machen

Was nicht gemessen wird, wird unterschätzt. Psychische Belastungsindikatoren — Fehlzeiten, Fluktuation, Rückfallquoten nach Wiedereinstieg — gehören in die Steuerungslogik von Organisationen, nicht nur in Jahresberichte. Wer nicht misst, kann nicht gestalten.

Verantwortung bündeln

Mentale Gesundheit darf nicht zwischen HR, Führung und Gesundheitsmanagement verloren gehen. Sie braucht eine klare Zuständigkeit — und eine Person oder Stelle, die das Thema nicht nur verwaltet, sondern gestaltet.

Ökonomisch rechnen

Fehlzeiten, Fluktuation, Wissensverlust und sinkende Innovationsfähigkeit sind teuer. Präventive Strukturmaßnahmen zahlen sich aus — nicht als moralische Investition, sondern als nüchterne Effizienzpolitik. Wer das nicht glaubt, möge die Kosten eines schlecht gestalteten Wiedereinstiegs gegenrechnen.

Vertiefung

Anhang: Was hinter den Zahlen steckt

Robert Castel — Wenn Unsicherheit die Mitte erreicht

Castel hat Ende der 1990er etwas beschrieben, das damals noch nach Randphänomen klang und heute Alltag ist: Prekarität breitet sich aus. Nicht nur nach unten — in die Mitte.

Gut ausgebildete Menschen, Fachkräfte, Akademikerinnen berichten von dem, was Castel "dauerhafte Vorläufigkeit" nennt: die Unfähigkeit zu planen, Verantwortung zu übernehmen, Lebensführung zu stabilisieren — nicht wegen konkreter Armut, sondern wegen struktureller Ungewissheit. Kann ich eine Wohnung mieten? Kann ich für Kinder sorgen? Kann ich Verpflichtungen eingehen?

Wenn Arbeit ihre stabilisierende Funktion verliert, geraten Identität, Zugehörigkeit und psychische Sicherheit unter Druck. Mentale Erschöpfung ist in diesem Sinne keine individuelle Schwäche. Sie ist eine logische Reaktion auf eine Gesellschaft, in der Vorläufigkeit zur Normalität geworden ist.

Beck / Beck-Gernsheim — Wenn Struktur zur Aufgabe wird

Ulrich Beck und Elisabeth Beck-Gernsheim haben beschrieben, wie gesellschaftliche Risiken privatisiert werden. Was früher kollektiv getragen wurde — Arbeitslosigkeit, Krankheit, Übergänge — wird heute dem Individuum zugeschrieben.

Die implizite Botschaft lautet: Wer scheitert, hat nicht ausreichend an sich gearbeitet. Wer erschöpft ist, hat sich falsch organisiert. Wer nicht Schritt hält, hat die falschen Prioritäten gesetzt.

Das erzeugt Schuld und Scham — und führt dazu, dass strukturelle Überforderung als persönliches Defizit erlebt wird, statt als Hinweis auf ein System, das mehr verlangt, als Menschen dauerhaft leisten können. Die psychische Zusatzbelastung entsteht nicht aus der Situation selbst, sondern aus ihrer Interpretation — als eigenes Versagen.

Klaus Dörre — Das Ende der Entlastungszone

Dörre beschreibt moderne Arbeitsgesellschaften als Unsicherheitsgesellschaften. Arbeit endet nicht mehr klar — weder zeitlich noch mental. Ständige Erreichbarkeit, permanente Leistungsbewertung, fortwährende Anpassung. Selbst formal sichere Jobs fühlen sich subjektiv unsicher an.

Das psychische Problem entsteht nicht aus Belastung allein. Es entsteht aus fehlenden Entlastungszonen. Erschöpfung akkumuliert sich still — nicht weil ein Moment zu viel war, sondern weil kein Moment zur wirklichen Erholung blieb. Der Körper bleibt im Aktivierungsmodus, auch wenn objektiv Feierabend ist.

Alain Ehrenberg — Die Erschöpfung der Selbstverantwortung

Ehrenberg interpretiert Burnout und Depression nicht primär als medizinische Defekte. Er liest sie als Rückmeldung auf eine Gesellschaft, die Selbstverantwortung zur Daueranforderung macht.

Menschen sollen motiviert sein, sich selbst optimieren, ihre Grenzen managen, immer handlungsfähig bleiben. Wer das nicht schafft, erlebt sich als defizitär — bevor irgendjemand anderes das so formuliert hat. Das ist die entscheidende Verschiebung: Der Druck kommt nicht mehr von außen. Er ist verinnerlicht.

Erschöpfung entsteht hier nicht durch äußeren Zwang allein. Sie entsteht durch den inneren Druck, permanent funktionieren zu müssen — in einer Umgebung, die ausreichende Unterstützung nicht bereitstellt, aber Selbstoptimierung erwartet.

Hartmut Rosa — Wenn Arbeit nicht mehr antwortet

Rosa beschreibt das, was er Resonanz nennt: die Erfahrung, in Beziehung zu stehen — zur eigenen Tätigkeit, zu anderen, zur Welt. Arbeit antwortet, wenn sie etwas zurückgibt: Sinn, Wirksamkeit, das Gefühl, dass die eigene Anstrengung etwas bewegt und hinterlässt.

Fehlende Resonanz ist kein abstraktes Konzept. Sie ist das, was Menschen beschreiben, wenn sie sagen: Ich mache das alles — aber ich weiß nicht mehr wofür. Ich funktioniere, aber ich bin nicht mehr dabei. Es ist nicht zu viel. Es ist das falsche Verhältnis.

Dauerhafte Resonanzlosigkeit ist ein zentraler Faktor für innere Leere und Erschöpfung — auch dann, wenn objektiv alles "in Ordnung" ist. Kein Burnout, keine Diagnose, keine Krise — aber auch kein Erleben von Wirksamkeit oder Bedeutung.

Was Schutzinstrumente leisten — und wo sie enden

Das AGG schützt formal vor Diskriminierung aufgrund des Alters — in beide Richtungen. In der Praxis ist Diskriminierung selten direkt. Sie versteckt sich in Formulierungen wie "nicht mehr entwicklungsfähig", "kulturell nicht passend", "zu erfahren für diese Rolle". Die Beweislast liegt faktisch bei den Betroffenen. Viele verzichten auf rechtliche Schritte, weil sie Karrierefolgen fürchten, die Energie nicht aufbringen können oder wissen, dass indirekte Diskriminierung kaum beweisbar ist. Der normative Schutz existiert. Das Sicherheitsgefühl oft nicht.

Das BEM — das Betriebliche Eingliederungsmanagement nach § 167 SGB IX — ist gesetzlich vorgeschrieben, wenn jemand länger als sechs Wochen innerhalb eines Jahres arbeitsunfähig war. Sein Zweck ist präventiv: Rückkehr gestalten, Belastungen identifizieren, Anpassungen ermöglichen.

Gut gestaltet senkt es Rückfallquoten, reduziert Fehlzeiten und stärkt Vertrauen. Schlecht gestaltet — formal abgewickelt, inhaltsleer, ohne echte Fürsorgekultur — erhöht Angst, Misstrauen und die Wahrscheinlichkeit, dass jemand das Gespräch als verdeckte Kündigungsvorbereitung erlebt. Der Unterschied liegt nicht im Gesetz. Er liegt in der Frage, ob Organisationen das Instrument ernst nehmen — und ob Führungskräfte die Kompetenz haben, solche Gespräche zu führen.

Die Zahlen: Eine Arbeitslosenquote von etwa 6,2 Prozent und offene Stellen, die sich gegenüber 2022 fast halbiert haben, beschreiben keinen dramatischen Einbruch. Sie beschreiben eine Verschiebung — mehr Unsicherheit bei gleichbleibender oder steigender Belastung, sinkende Wechseloptionen, eine wachsende stille Reserve. Menschen, die formal beschäftigt sind, sich aber innerlich bereits im Übergang befinden. Zu erschöpft, um zu bleiben. Zu unsicher, um zu gehen.

Das System zahlt zuverlässig die Rechnung. Es stellt sie nicht.

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