Swiss Room · Leitfaden 11 von 15

eIDAS 2.0

& EUDI WALLET

15–20 Min Vertiefung Alle Branchen · Identität

Was dieser Leitfaden Ihnen gibt

Digitale Identität · Wallet-Akzeptanz · Vertrauensdienste · Schweizer E-ID · Branchenprofile

Vorbemerkung

Diese Leitfadenreihe ist aus einer spezifischen Perspektive heraus geschrieben: der einer General Counsel / Senior Vice President, die über viele Jahre in leitender Inhouse-Funktion in regulierten Unternehmen gearbeitet hat – in der Schweiz und in der EU. Die Autorin verfügt über eine juristische und betriebswirtschaftliche Ausbildung in der Schweiz und in Deutschland sowie über langjährige operative Erfahrung als interne Rechts- und Compliance-Verantwortliche in internationalen Konzernen und KMU-Umfeldern.

Diese Kombination – juristische Tiefe, operatives Management-Know-how und direkte Erfahrung mit den Realitäten von Lieferketten, Vertragsverhandlungen und Aufsichtsbehörden – ist der Grund, warum die Texte so geschrieben sind, wie sie sind: nicht als formale Gesetzeskommentare, sondern als Arbeitsinstrumente. Sie richten sich gleichzeitig an Führungskräfte, die schnell einordnen müssen, was eine Regulierung für ihr Unternehmen bedeutet, und an Fachabteilungen, die wissen müssen, was operativ zu tun ist.

Der interdisziplinäre Ansatz ist bewusst: Digitale Regulierung berührt gleichzeitig IT, Recht, Procurement, Geschäftsführung, HR und Lieferkette. Eine Perspektive, die nur eine dieser Dimensionen kennt, liefert unvollständige Antworten. Die Leitfäden versuchen, alle relevanten Dimensionen gleichzeitig zu adressieren – mit dem Bewusstsein, dass in der Praxis selten ein Team allein zuständig ist und die wirklichen Herausforderungen meistens an den Schnittstellen entstehen.

Die Perspektive «Schweizer KMU im EU-Kontext» ist nicht zufällig. Sie spiegelt langjährige Arbeit an der Schnittstelle zwischen Schweizer Geschäftspraxis und europäischem Regulierungsrahmen: die Erfahrung, was es konkret bedeutet, wenn ein EU-Kundenvertrag plötzlich DORA-Klauseln enthält, wenn ein Procurement-Fragebogen AI-Act-Anforderungen stellt oder wenn ein Lieferant keine NIS2-konformen Sicherheitsnachweise liefern kann. Diese Leitfäden sind aus genau diesen Situationen heraus entstanden – nicht aus dem Lesen von Gesetzestexten, sondern aus der Erfahrung ihrer Auswirkungen.

Hinweis
Diese Leitfäden ersetzen keine Rechtsberatung. Sie sind Orientierungsinstrumente aus der Praxis und können keine auf den Einzelfall bezogene juristische, steuerliche oder technische Beratung ersetzen. Bei konkreten Fragen zu Ihrer Situation wenden Sie sich an qualifizierte Fachleute – gerne auch an das Team von NBK Legal: www.nbklegal.online

Vorwort: Was eIDAS 2.0 wirklich verändert

eIDAS 2.0 ist kein Datenschutzgesetz und kein Sicherheitsstandard. Es ist die Infrastruktur für digitale Identität in Europa – das System, das bestimmt, wie Menschen und Unternehmen ihre Identität online nachweisen. Für Schweizer KMU ist das relevant, sobald sie EU-Nutzer haben, die sich identifizieren müssen.

Die EUDI Wallet wird ab 2026 von EU-Mitgliedstaaten ausgerollt. Sie wird zum zentralen Identitätsinstrument – und sie verändert, wie Kunden-Onboarding, KYC, Altersverifikation und digitale Signaturen funktionieren.

Das Kernversprechen der EUDI Wallet Ein EU-Bürger kann mit der Wallet seine Identität nachweisen, ohne mehr Daten preiszugeben als nötig. Mindestalter-Check ohne Geburtsdatum. Berufsqualifikation ohne vollständigen Lebenslauf. Das ist Minimal Disclosure – und es verändert, was Sie von Kunden verlangen dürfen und müssen.

1. Was ist eIDAS 2.0? – Die wichtigsten Neuerungen

1.1 Was eIDAS 2.0 im Vergleich zu eIDAS 1.0 ändert

AspekteIDAS 1.0eIDAS 2.0 (NEU)
Digitale IdentitätStaatliche eIDs; keine einheitliche WalletEUDI Wallet: einheitliche, staatlich anerkannte Wallet für alle EU-Bürger
GeltungsbereichNur öffentliche Dienste mussten eIDs akzeptierenBestimmte private Dienste müssen Wallet-Nachweise akzeptieren
DatenweitergabeVollständige Identitätsdaten bei jeder PrüfungMinimal Disclosure: nur das, was nötig ist
VertrauensdiensteSignaturen, Siegel, Zeitstempel+ elektronische Ledger, qualifizierte Archivierung, erweiterte Zertifikate
InteroperabilitätBegrenzt; nationale SilosEinheitliche technische Standards, EU-weit interoperabel

1.2 Die EUDI Wallet: Was sie kann

FunktionWas das konkret bedeutet
IdentitätsnachweisVollständige Identitätsverifikation ersetzt Passwort + SMS-Code + Ausweiskopie
Attributsnachweis'Ich bin über 18' ohne Geburtsdatum preiszugeben; Berufsqualifikation ohne vollständigen CV
DokumentenspeicherungReisepass, Führerschein, Diplome, Versicherungsnachweis – digital, abrufbar
Qualifizierte elektronische SignaturRechtswirksame Unterschrift direkt aus der Wallet; EU-weit anerkannt
Login bei DienstenWallet als universeller Identitätsprovider – Alternative zu 'Login with Google'
B2B-NutzungUnternehmen können Wallets für Mitarbeiter-Identitäten nutzen (z.B. Bevollmächtigungen, Zertifikate)

2. Bin ich betroffen? – Entscheidungslogik

❓ Bieten Sie Dienste an, bei denen EU-Nutzer ihre Identität nachweisen müssen (Login, Onboarding, Altersverifikation, KYC)? JA → Sie sind wahrscheinlich von der Wallet-Akzeptanzpflicht betroffen oder müssen zumindest Wallet-Integration planen. Lesen Sie Abschnitt 3. NEIN → Weiter zu Frage 2.
❓ Bieten Sie Vertrauensdienste an – also elektronische Signaturen, Siegel, Zeitstempel, Zertifikate? JA → Sie sind Vertrauensdiensteanbieter. eIDAS-2.0-Zertifizierungsanforderungen gelten. Lesen Sie Abschnitt 4. NEIN → Weiter zu Frage 3.
❓ Sind Sie in einem regulierten Sektor tätig, der explizit Wallet-Akzeptanz verlangen wird (Finanz, Gesundheit, Telekommunikation, Behörden)? JA → Wallet-Akzeptanzpflicht gilt für Sie voraussichtlich ab 2026/2027. Bereiten Sie sich jetzt vor. NEIN → Wallet ist für Sie strategisch relevant, aber noch keine direkte Pflicht. Beobachten Sie den Rollout.
Die Wallet-Akzeptanzpflicht: Wer muss wann? eIDAS 2.0 verpflichtet bestimmte private Dienste zur Wallet-Akzeptanz: Online-Plattformen mit mehr als 45 Mio. EU-Nutzern (VLOPs), Banken und Finanzdienstleister für KYC, Telekommunikationsanbieter, und Gesundheitsdienste. Für kleinere KMU ist Wallet-Integration strategisch sinnvoll, aber noch nicht überall gesetzlich erzwungen.

3. Was die EUDI Wallet für Ihr Geschäftsmodell verändert

3.1 Kunden-Onboarding und KYC

Das ist die grösste operative Veränderung für die meisten KMU: Der Identifikationsprozess bei der Kontoeröffnung, bei Vertragsabschlüssen oder bei regulierten Diensten wird schneller, günstiger und sicherer.

HeuteMit EUDI WalletIhr Vorteil
Ausweiskopie per Email oder UploadKryptografisch verifiziertes Attribut aus staatlicher QuelleKeine Dokumentenprüfung mehr; sofortige Verifikation
Manuelle KYC-PrüfungAutomatisierte Wallet-PrüfungKostensenkung; weniger Betrugsrisiko
Ausweiskopien lagern (GDPR-Risiko)Keine Kopie gespeichert; nur Verifikations-TokenWeniger GDPR-Risiko; keine Datenspeicherpflicht
Altersverifikation mit Geburtsdatum'Über 18' ohne GeburtsdatumDatenschutzkonform; minimal disclosure

3.2 Elektronische Signaturen

Qualifizierte elektronische Signaturen (QES) aus der EUDI Wallet sind EU-weit rechtswirksam und gleichwertig mit handschriftlichen Unterschriften. Für Schweizer KMU, die Verträge mit EU-Kunden abschließen, ist das eine erhebliche Vereinfachung.

Vertragsabschluss: Verträge können vollständig digital und rechtswirksam in der EU abgeschlossen werden.

Keine lokale Software mehr: Signaturen aus der Wallet erfordern keine separate Signatursoftware.

Schweizer Gültigkeit: Die Schweiz hat eigene QES-Standards (ZertES). EU-QES und Schweizer QES sind nicht automatisch gegenseitig anerkannt – prüfen Sie im Einzelfall.

Wichtig
Die EUDI Wallet ist ein EU-Instrument. Für rein innerchweizerische Rechtsgeschäfte gilt weiterhin das ZertES. Wenn Sie mit EU-Kunden arbeiten, ist die EUDI Wallet QES bindend – für Schweizer Vertragspartner muss die gegenseitige Anerkennung geprüft werden.

3.3 Die Schweizer E-ID und ihr Verhältnis zur EUDI Wallet

Die Schweiz entwickelt eine eigene staatliche E-ID (nach dem gescheiterten ersten Versuch). Die aktuelle Planung sieht eine E-ID vor, die technisch interoperabel mit der EUDI Wallet werden könnte – aber noch sind die genauen Modalitäten offen.

AspektSchweizer E-IDEUDI Wallet
HerausgeberBund (staatlich)EU-Mitgliedstaaten (staatlich)
GeltungsbereichSchweiz (+ Interoperabilität angestrebt)EU-weit
Status (2026)In Entwicklung; Einführung voraussichtlich 2026–2027Rollout läuft in EU-Mitgliedstaaten
Interoperabilität CH↔EUAngestrebt, aber noch nicht final geregeltEU-intern vollständig interoperabel
Empfehlung für CH-KMUBeide Entwicklungen beobachten; technisch für Wallet-Integration vorbereitenWallet-Akzeptanz für EU-Kunden implementieren

4. Technische Integration: Was KMU implementieren müssen

4.1 Was 'Wallet-Akzeptanz' technisch bedeutet

Wallet-Akzeptanz ist kein einfaches Plug-in. Es erfordert strukturierte Integration Ihrer Identifikations- und Onboarding-Systeme.

SchrittWas Sie implementierenAufwand
Relying Party RegistrationIhr Dienst muss als vertrauenswürdiger Wallet-Akzeptant registriert seinEinmalig; staatliche Registrierung
API-IntegrationEUDI Toolbox-konforme API für Wallet-Kommunikation implementierenMittel; Entwicklungsaufwand 2–8 Wochen je nach System
AttributsverarbeitungEmpfangene Wallet-Attribute (Alter, ID, Qualifikation) in Ihre Systeme verarbeitenKlein; meist Erweiterung bestehender Onboarding-Logik
GDPR-AnpassungDatenschutzerklärung für Wallet-basierte Identifikation anpassenKlein; rechtliche Review der Datenschutzdokumentation
Test und RolloutIntegration gegen EUDI-Testumgebung testenKlein bis mittel

4.2 OpenID4VC – der technische Standard

Die technische Grundlage der EUDI Wallet ist der OpenID for Verifiable Credentials (OpenID4VC) Standard. Das ist relevant für Ihre Entwickler:

OpenID4VCI: Credential Issuance – wie die Wallet Credentials erhält

OpenID4VP: Credential Presentation – wie Credentials bei Ihrem Dienst präsentiert werden

EUDI Toolbox: Die EU stellt Open-Source-Referenzimplementierungen bereit. Nutzen Sie diese als Ausgangspunkt.

Praktischer Einstieg Beginnen Sie mit der EUDI Toolbox (GitHub: eu-digital-identity-wallet). Die Referenzimplementierungen reduzieren den Entwicklungsaufwand erheblich. Die meisten KMU werden Wallet-Integration als Feature bestehender Identity-Provider-Lösungen erhalten, nicht als Eigenentwicklung.

5. Vertrauensdienste: Was sich ändert

Wenn Sie Vertrauensdienste anbieten oder nutzen – elektronische Signaturen, Siegel, Zeitstempel – gibt es neue Kategorien unter eIDAS 2.0:

VertrauensdienstWas neu ist unter eIDAS 2.0
Elektronische SignaturenBestehend, aber nun auch aus EUDI Wallet möglich; höhere Verbreitung erwartet
Elektronische SiegelNeu: auch für Unternehmen aus Wallet möglich; erleichtert automatisierte Geschäftsprozesse
Qualifizierte elektronische ArchivierungNEU: langfristige Archivierung von Dokumenten mit Rechtssicherheit; relevant für Compliance-Dokumente
Qualifizierte elektronische LedgerNEU: für Blockchain-basierte Nachweise; relevant für Supply-Chain und Zertifizierung
Website-Zertifikate (QWAC)Verschärfte Anforderungen; Website-Authentizität über Wallet prüfbar

6. Typische Fehler

Fehler 1: Wallet als reines Konsumenten-Tool behandeln

Die EUDI Wallet ist nicht nur für B2C. Mitarbeiter-Wallets, Unternehmensbeauftragungen, B2B-Identifikation und automatisierte Prozesse mit elektronischen Siegeln sind alle vorgesehen. KMU, die nur den Konsumenten-KYC-Anwendungsfall sehen, verpassen erhebliche Effizienzpotenziale.

Was zu tun ist
B2B-Szenarien evaluieren: Wo in Ihren Prozessen könnte Wallet-basierte Identifikation Effizienz schaffen? Lieferantenverifikation, Bevollmächtigungen, automatisierte Vertragsabschlüsse.

Fehler 2: Warten auf vollständigen Rollout

Die Wallet wird in Wellen ausgerollt. Wer wartet, bis alle EU-Bürger eine Wallet haben, beginnt zu spät. Frühzeitige Integration gibt Ihnen einen Qualitätsvorsprung und verhindert, dass Sie später unter Zeitdruck komplexe Systemänderungen vornehmen müssen.

Was zu tun ist
Jetzt: technische Architektur planen und Identity-Schicht auf Wallet-Kompatibilität prüfen. Ab 2026: Pilotintegration mit Testumgebung. Dann: Rollout für EU-Kunden.

Fehler 3: Schweizer E-ID und EUDI Wallet als dasselbe behandeln

Sie sind unterschiedliche Systeme mit potenzieller, aber noch nicht gesicherter Interoperabilität. Planen Sie für beide separat, bis die gegenseitige Anerkennung formell geregelt ist.

7. Branchenprofile

Profil A: Schweizer Fintech / Online-Bank mit EU-Kunden

eIDAS-StatusWallet-Akzeptanzpflicht wahrscheinlich für KYC. DORA-Überschneidung.
ChanceKYC-Kosten erheblich reduzierbar. Betrugsrisiko sinkt. GDPR-Exposition durch wegfallende Ausweiskopien reduziert.
PrioritätOnboarding-Prozess für Wallet-Attributs-Empfang vorbereiten; Identity-Architektur auf OpenID4VP auslegen

Profil B: Schweizer Gesundheitsdienstleister mit EU-Patienten

eIDAS-StatusWallet-Akzeptanz für Patientenidentifikation regulatorisch wahrscheinlich. EU-Gesundheitsdatenraum.
KomplexitätGesundheitsdaten in der Wallet sind besonders sensitiv. GDPR-Anforderungen für besondere Datenkategorien gelten.
PrioritätEHDS (European Health Data Space) parallel verfolgen; Wallet-Integration für Versicherungsnachweis planen

8. Was Sie jetzt tun – priorisiert

PrioMaßnahmeWarum jetzt
1Relevanzprüfung: Haben Sie EU-Nutzer, die sich identifizieren müssen?Bestimmt, ob Wallet-Akzeptanzpflicht auf Sie zukommt.
2Identity-Architektur auf OpenID4VP/OpenID4VCI prüfenTechnische Grundlage für Wallet-Integration. Je früher, desto weniger Umbauaufwand.
3EUDI Toolbox und Testumgebung erkundenOpen Source verfügbar; Entwickler-Einstieg ohne Kosten.
4Schweizer E-ID-Entwicklung parallel beobachtenInteroperabilität CH↔EU ist angestrebt. Doppelte Vorbereitung vermeiden.
5Signaturen: QES-Nutzung für EU-Vertragsabschlüsse evaluierenEinfacherer Vertragsabschluss mit EU-Kunden; Papier-Signaturen reduzieren.
Hinweis
Dieser Leitfaden ersetzt keine Rechtsberatung. Bei konkreten Fragen wenden Sie sich an nbklegal.online.

Kontakt & weitere Informationen

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